NASHVILLE
Wo Musik Geschichte schreibt und MAX FIELD ihre Spuren hinterlässt.
Nashville - wo die Musik zu Hause ist
Zwischen Country Musik, großen Legenden und der Welt von MAX FIELD
Manche Städte erzählen ihre Geschichte durch Gebäude.
Andere durch Menschen.
Nashville erzählt sie durch Musik.
Schon lange bevor ich mich intensiver mit dieser Stadt beschäftigte, kannte ich ihren Namen. Nashville – Music City. Country Music. Grand Ole Opry. Johnny Cash. Dolly Parton. RCA Studio B.
Und natürlich:
Elvis Presley.
Doch je tiefer ich in die Geschichte Nashvilles eintauchte, desto deutlicher wurde mir, dass hinter diesem berühmten Namen sehr viel mehr steckt.
Nashville ist eine Stadt, die sich immer wieder verändert hat.
Eine Stadt am Cumberland River, die zum politischen Zentrum Tennessees wurde. Eine Stadt, die den Amerikanischen Bürgerkrieg erlebte, in der afroamerikanische Musikgeschichte geschrieben wurde und die schließlich zu einem der bedeutendsten Zentren der Musikindustrie weltweit aufstieg.
Und irgendwann wurde Nashville auch zu einem wichtigen Teil meiner eigenen fiktiven Welt.
In Band 4 „Am Abgrund“ spielt die Stadt eine große Rolle. Max und Elwis kommen hierher. Sie bewegen sich durch das Nashville des Jahres 1971.
Und sie betreten einen realen Ort, der mich selbst auf eine ganz besondere Weise berührt hat.
Das Hermitage Hotel.
Doch bevor wir dorthin gehen, müssen wir zurück an den Anfang.
Eine Stadt am Cumberland River
Die Geschichte Nashvilles reicht bis ins 18. Jahrhundert zurück.
1779 entstand am Cumberland River eine Siedlung, aus der sich Nashville entwickeln sollte. Benannt wurde sie nach Francis Nash, einem General des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges.
Wie bei so vielen Städten dieser Zeit bestimmte die geografische Lage ihre Zukunft.
Der Cumberland River wurde zum wichtigen Verkehrs- und Handelsweg. Waren und Menschen konnten über den Fluss transportiert werden. Später kamen Straßen und Eisenbahnverbindungen hinzu.
Nashville wuchs. 1843 wurde die Stadt zur Hauptstadt Tennessees. Damit war Nashville längst nicht mehr nur Handelsplatz. Die Stadt wurde politisches Zentrum. Über ihr erhebt sich bis heute das Tennessee State Capitol. Und nur wenige Schritte entfernt sollte Jahrzehnte später ein Hotel entstehen, das selbst amerikanische Geschichte schreiben würde.
Doch zunächst kam der Krieg.
Nashville und der Amerikanische Bürgerkrieg
1861 begann der Amerikanische Bürgerkrieg. Tennessee schloss sich der Konföderation an.
Nashville besaß aufgrund seiner Lage am Cumberland River und seiner Eisenbahnverbindungen enorme strategische Bedeutung. Bereits 1862 wurde die Stadt von Unionstruppen eingenommen.
Damit wurde Nashville zur ersten Hauptstadt eines konföderierten Bundesstaates, die während des Krieges in die Hände der Union fiel.
Die Stadt veränderte sich. Soldaten kamen. Lazarette entstanden. Verwundete wurden versorgt. Flüchtlinge suchten Schutz. Militär bestimmte den Alltag.
Und wie überall im amerikanischen Süden bedeutete das Ende des Krieges nicht, dass seine gesellschaftlichen Folgen damit ebenfalls verschwunden waren.
Die Sklaverei wurde abgeschafft. Doch Rassismus und Diskriminierung blieben.
Die folgenden Jahrzehnte waren von gesellschaftlichen Gegensätzen geprägt, die noch weit bis ins 20. Jahrhundert hineinreichen sollten.
Gleichzeitig begann ausgerechnet in dieser Stadt etwas zu entstehen, das Nashville später weltweit berühmt machen würde.
Musik.
Die Fisk Jubilee Singers
1871 verließ eine Gruppe junger afroamerikanischer Sängerinnen und Sänger der Fisk University Nashville und ging auf Tournee.
Die Fisk Jubilee Singers sangen Spirituals. Lieder, deren Wurzeln tief in der Geschichte der versklavten Schwarzen Bevölkerung Amerikas lagen.
Ihre Auftritte führten sie durch die Vereinigten Staaten und später sogar nach Europa. Sie sangen vor einem Publikum, das diese Musik oftmals noch nie zuvor gehört hatte.
Damit trugen sie bereits im 19. Jahrhundert dazu bei, den Namen Nashville mit Musik zu verbinden. Lange bevor es Country Music als große Industrie gab. Lange bevor jemand von „Music City“ sprach.
Und lange bevor Elvis Presley nach Nashville kam.
Die Musik war bereits da.
Das Ryman Auditorium
1892 entstand ein weiteres Gebäude, ohne das die Geschichte Nashvilles kaum vorstellbar wäre.
Dabei war es ursprünglich gar nicht als Konzerthalle geplant.
Der Geschäftsmann und Flusskapitän Thomas Ryman ließ nach einem religiösen Bekehrungserlebnis das Union Gospel Tabernacle errichten. Nach seinem Tod erhielt das Gebäude seinen heutigen Namen:
Ryman Auditorium.
Im Laufe der Jahre entwickelte sich das Ryman zu einem der bedeutendsten Veranstaltungsorte der Stadt.
Redner traten dort auf. Politiker. Opernsänger. Schauspieler. Musiker.
Und schließlich bekam das Gebäude jene Bedeutung, die ihm den Beinamen einbrachte, den es bis heute trägt:
„Mother Church of Country Music.“
Denn irgendwann zog eine Radiosendung dort ein.
Die Grand Ole Opry
1925 begann der Radiosender WSM mit einer Sendung, aus der sich die legendäre Grand Ole Opry entwickelte.
Was zunächst regionale Unterhaltung war, wurde zu einer amerikanischen Institution.
Musiker kamen nach Nashville. Sänger. Songwriter. Produzenten. Manager.
Menschen mit einer Gitarre, einem Lied und der Hoffnung, entdeckt zu werden.
1943 zog die Grand Ole Opry ins Ryman Auditorium. Und genau dort befindet sie sich auch noch zu der Zeit, in der meine Geschichten spielen.
1971.
Wenn Max und Elwis durch Nashville fahren, existiert das heutige Grand Ole Opry House noch nicht.
Das wird erst einige Jahre später eröffnet.
Die Opry gehört noch nach Downtown. Ins Ryman.
Samstagabend bedeutet deshalb für viele Menschen: Grand Ole Opry.
Und rund um diese Institution wächst eine ganze Musikindustrie.
Wie Nashville zu Music City wurde
Im Laufe des 20. Jahrhunderts siedelten sich immer mehr Musikverlage, Plattenfirmen, Studios und Managementunternehmen in Nashville an.
Songwriter kamen in die Stadt. Manche mit nicht viel mehr als einem Koffer und ein paar Liedern. Produzenten suchten nach neuen Stimmen. Musiker wurden zu Sessionmusikern. Songs wechselten ihre Besitzer. Karrieren entstanden.
Und rund um einige Straßen südwestlich von Downtown entwickelte sich ein Gebiet, dessen Name irgendwann ebenfalls Musikgeschichte schreiben sollte:
Music Row.
Studios. Musikverlage. Plattenfirmen. Managementbüros. Produzenten. Songwriter.
Auf wenigen Straßen konzentrierte sich eine Industrie, deren Musik später auf der ganzen Welt gehört wurde. Und mitten in dieser Welt befand sich ein relativ unscheinbares Gebäude: RCA Studio B.
Elvis und Nashville
Elvis Presley wurde in Tupelo geboren. Memphis wurde seine Heimat. Dort verbrachte er entscheidende Jahre seiner Jugend.Dort begann seine Karriere bei Sun Records. Dort kaufte er 1957 Graceland. Memphis war der Ort, an den er immer wieder zurückkehrte. Aber Nashville war etwas anderes.
Nashville war Arbeit. Musik. Studio.
Und für seine Karriere war diese Stadt von enormer Bedeutung.
Nach seinem Wechsel von Sun Records zu RCA Ende 1955 wurde Elvis innerhalb kürzester Zeit zu einem gigantischen kommerziellen Erfolg. Auch dieser Erfolg trug dazu bei, dass RCA seine Aktivitäten in Nashville ausbaute.
1957 wurde das berühmte RCA Studio B eröffnet.
Und Elvis sollte dort einen gewaltigen Teil seines musikalischen Werkes aufnehmen. Mehr als 240 Songs entstanden während seiner Aufnahmesessions im Studio B.
Damit gehört dieses unscheinbare Gebäude zu den wichtigsten Orten seiner musikalischen Geschichte.
Doch mich interessieren bei solchen Orten nicht nur die berühmten Titel. Mich interessiert die Vorstellung, wie es dort tatsächlich gewesen sein könnte.
Ein Aufnahmestudio in Nashville. Später Abend. Autos draußen auf der Straße. Musiker warten. Instrumente werden gestimmt. Kaffee.
Zigarettenrauch. Gespräche. Jemand sitzt am Klavier. Ein Song wird ausprobiert. Noch einmal. Und noch einmal.
Elvis arbeitete gerne spät. Sessions konnten bis tief in die Nacht und in die frühen Morgenstunden dauern.
Und dann verschwindet für mich für einen Moment das Bild des Weltstars.
Übrig bleibt ein Musiker. Vor einem Mikrofon. Umgeben von anderen Musikern.
Auf der Suche nach diesem einen Moment, in dem plötzlich alles stimmt.
Der Nashville Sound
Studio B steht gleichzeitig für eine Entwicklung, die die Country Music grundlegend veränderte.
In den späten 1950er- und 1960er-Jahren entstand der sogenannte Nashville Sound. Country Music wurde musikalisch verändert. Die Arrangements wurden weicher und aufwendiger. Streicher kamen hinzu. Chöre. Klavier.
Produzenten wie Chet Atkins spielten bei dieser Entwicklung eine wichtige Rolle.
Die Musik sollte ein größeres Publikum erreichen. Und Nashville wurde endgültig zu einem Zentrum der amerikanischen Musikindustrie.
Genau in diese Welt kommt Elwis Preston in meiner Geschichte.
Natürlich ist er nicht Elvis Presley.
Mein Elwis schreibt sich mit W.
Er ist eine fiktive Figur.
Doch die musikalische Welt, durch die er sich bewegt, orientiert sich an einer realen Zeit. Und diese Zeit möchte ich beim Schreiben möglichst spürbar machen.
Nashville im Jahr 1970 und 1971
Das Nashville meiner Geschichten ist nicht das Nashville, das Besucher heute erleben. Und genau das ist mir wichtig.
1970 und 1971 ist Nashville längst Music City.
Aber die Stadt befindet sich gleichzeitig mitten in einem Wandel.
Auf Music Row wird gearbeitet. Studios laufen bis spät in die Nacht. Songwriter versuchen, ihre Lieder unterzubringen.Produzenten suchen nach Hits.
Dolly Parton gehört längst zur Szene. Johnny Cash ist ein Star. Kris Kristofferson hat sich vom unbekannten Songwriter zu einem der wichtigsten Namen seiner Generation entwickelt. Waylon Jennings gehört zur musikalischen Welt der Stadt. Elvis kommt weiterhin für Aufnahmen nach Nashville.
Und die Grand Ole Opry befindet sich noch immer im Ryman Auditorium.
Wer 1971 am Samstagabend in Downtown unterwegs ist, erlebt deshalb eine ganz andere Atmosphäre als heute.
Menschen strömen zum Ryman. Musiker gehen ein und aus.
In Tootsie’s Orchid Lounge sitzen Künstler, Songwriter und Menschen, die davon träumen, eines Tages selbst auf der anderen Seite der Gasse auf der Bühne zu stehen.
Nicht weit entfernt liegt Printers Alley. Bars. Clubs. Nachtleben. Musik.
Doch Nashville ist gleichzeitig keine perfekte Postkartenstadt.
Eine Innenstadt im Wandel
Wie viele amerikanische Innenstädte erlebt auch Nashville in den 1960er- und 1970er-Jahren einen tiefgreifenden Wandel.
Immer mehr Menschen ziehen in die Vororte. Neue Einkaufszentren außerhalb des Stadtzentrums gewinnen an Bedeutung.Geschäfte in Downtown verlieren Kunden. Gebäude altern. Manche werden vernachlässigt. Andere abgerissen.
Die Vorstellung davon, was eine moderne Stadt sein soll, verändert sich.
Historische Gebäude gelten nicht automatisch als schützenswert. Manches, was heute liebevoll restauriert wird, erscheint damals schlicht altmodisch.
1971 ist dieser Niedergang noch nicht an seinem späteren Tiefpunkt angekommen.
Aber die Veränderung ist bereits sichtbar.
Und genau durch dieses Nashville bewegen sich Max und Elwis.
Keine touristische Kulisse. Keine riesigen LED-Wände. Keine modernen Entertainment-Komplexe am Broadway.Keine Dachterrassen voller Besucher aus aller Welt.
Sondern eine Stadt, in der die Musikindustrie gerade Geschichte schreibt und gleichzeitig Teile der alten Innenstadt beginnen, ihren Platz in der neuen Zeit zu suchen.
Und mitten in dieser Stadt steht eines ihrer berühmtesten Hotels.
The Hermitage Hotel
Nur wenige Schritte vom Tennessee State Capitol entfernt befindet sich ein Gebäude, das für mich persönlich eine ganz besondere Bedeutung bekommen hat.
Das Hermitage Hotel.
In Band 4 „Am Abgrund“ spielt dieses Hotel eine wichtige Rolle.
Und wie bei vielen realen Schauplätzen meiner Bücher wollte ich irgendwann wissen: Was ist das eigentlich für ein Ort? Welche Geschichte steckt hinter diesen Mauern?
Das Hermitage wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts geplant.
Nashville wollte ein Luxushotel, das dem wachsenden Anspruch der Stadt gerecht wurde.
Der Architekt J. Edwin R. Carpenter, ein gebürtiger Tennesseer, der unter anderem an der École des Beaux-Arts in Paris ausgebildet worden war, entwarf das Gebäude.
1910 öffnete das Hermitage seine Türen.
Mehr als eine Million Dollar hatte der Bau gekostet. Für die damalige Zeit eine enorme Summe.
Das Hermitage wurde Nashvilles erstes Million-Dollar-Hotel.
Schon beim Betreten sollte ein Gast erkennen, dass dies kein gewöhnliches Haus war. Marmor. Hohe Räume. Elegante Verzierungen. Mahagoni. Eine prachtvolle Lobby. Moderner Komfort.
Das Hermitage wurde zu einer der ersten Adressen Nashvilles.
Politiker kamen. Geschäftsleute. Künstler. Musiker. Prominente Gäste.
Doch die bedeutendste Geschichte dieses Hotels begann nicht mit einem Musiker.
Sondern mit Frauen, die wählen wollten.
Das Hermitage und der Kampf um das Frauenwahlrecht
1920 blickten die Vereinigten Staaten nach Tennessee.
Es ging um den 19. Zusatzartikel zur amerikanischen Verfassung und damit um das Frauenwahlrecht. 35 Bundesstaaten hatten der Verfassungsänderung bereits zugestimmt. Ein Staat fehlte noch, damit die notwendige Mehrheit erreicht wurde.
Tennessee konnte die Entscheidung bringen. Nashville wurde zum Zentrum eines erbitterten politischen Kampfes. Befürworterinnen des Frauenwahlrechts kamen in die Stadt. Gegner ebenfalls. Politiker. Lobbyisten. Journalisten.
Und viele von ihnen landeten im Hermitage.
Eine der bedeutendsten Frauen der amerikanischen Wahlrechtsbewegung, Carrie Chapman Catt, bezog dort eine Suite und koordinierte von hier aus die Kampagne der Befürworterinnen.
Doch auch die Gegner des Frauenwahlrechts nutzten das Hotel.
Gelbe Rosen wurden zum Symbol der Befürworter. Rote Rosen zum Symbol der Gegner.
In Fluren wurde diskutiert. In Zimmern verhandelt. Politiker wurden bearbeitet. Lobbyisten versuchten, Stimmen zu beeinflussen.
Das Hermitage wurde zeitweise so sehr zum politischen Zentrum, dass man es „The Third House“ nannte – das dritte Haus neben den beiden Kammern des Parlaments.
Am 18. August 1920 stimmte Tennessee schließlich für die Ratifizierung. Damit war die notwendige Mehrheit erreicht. Der 19. Verfassungszusatz konnte in Kraft treten.
Das Frauenwahlrecht war damit verfassungsrechtlich geschützt.
Und mitten in dieser Geschichte: das Hermitage.
Auch die Musik zog ins Hermitage ein
Natürlich wäre es nicht Nashville, wenn selbst die Geschichte dieses Hotels irgendwann wieder zur Musik führen würde.
Ab den 1920er-Jahren spielte der Bandleader Francis Craig mit seinem Orchester regelmäßig im Hermitage. Das Hotel wurde damit auch zu einem gesellschaftlichen Treffpunkt der Musikszene.
1947 gelang Craig mit „Near You“ ein gewaltiger nationaler Erfolg. Der Erfolg des Songs lenkte zusätzliche Aufmerksamkeit auf Nashville als Musikstadt.
Das Hermitage war also nicht nur ein politischer und gesellschaftlicher Treffpunkt. Es wurde auch Teil der musikalischen Geschichte der Stadt.
Und dann kam irgendwann ein Gast, dessen Name längst auf der ganzen Welt bekannt war.
Elvis im Hermitage
Elvis Presley war tatsächlich Gast im Hermitage.
Und nicht nur einmal.
Das Hotel selbst zählt ihn zu seinen wiederkehrenden Gästen.
Das passt zu seiner engen Verbindung zu Nashville.
Wenn Aufnahmesessions und andere berufliche Verpflichtungen ihn in die Stadt führten, gehörte das Hermitage zu den Häusern, die er kannte.
Und es gibt eine dieser kleinen Geschichten, die ich besonders liebe.
Das Hotel berichtet von einem Moment, in dem Elvis von einer Empore über der Lobby einige Bewunderinnen mit einem kleinen Ständchen überraschte.
Ich kann mir diese Szene wunderbar vorstellen. Nicht Elvis auf einer riesigen Bühne. Keine Scheinwerfer. Keine Tausenden Zuschauer. Sondern ein Hotel. Eine Lobby. Ein paar überraschte Menschen. Und irgendwo über ihnen steht plötzlich Elvis Presley und singt.
Solche kleinen Geschichten machen historische Personen für mich greifbarer. Und sie bekamen für mich eine noch ganz andere Bedeutung, als ich selbst nach Nashville kam.
Als ich das Hermitage selbst betrat
Ich durfte dieses Hotel selbst betreten. Und dieser Augenblick hat etwas mit mir gemacht. Natürlich hatte ich vorher Bilder gesehen.Ich kannte seine Geschichte. Ich wusste, dass dieses Hotel seit mehr als hundert Jahren existiert.
Aber über einen Ort zu lesen und tatsächlich dort zu stehen, sind zwei vollkommen unterschiedliche Dinge.
Ich ging hinein. Und da war plötzlich diese Lobby. Der Marmor. Die hohen Räume. Die Verzierungen. Die Treppen und Emporen. Das Licht.
Und dieses schwer zu beschreibende Gefühl, das manche historischen Orte besitzen. Man weiß, dass unzählige Menschen vor einem genau hier gestanden haben. Menschen, die heute Geschichte sind. Menschen mit Hoffnungen. Mit Sorgen. Mit Geheimnissen.
Besonders in Erinnerung geblieben ist mir die Rezeption.
Hinter dem Empfang befindet sich eine Rückwand mit Regalen, in denen Erinnerungsstücke an prominente Gäste des Hauses gezeigt werden.
Und dort entdeckte ich auch etwas von Elvis. Was genau es war, weiß ich heute tatsächlich nicht mehr. Ich wünschte, ich hätte es mir damals aufgeschrieben.
Aber vielleicht ist das gar nicht das Entscheidende. Denn an das Gefühl erinnere ich mich sehr genau.
Plötzlich stand ich in einem Hotel, in dem Elvis selbst Gast gewesen war.
Er kannte dieses Haus. Er hatte diese Lobby gesehen. Er war durch diese Räume gegangen. Und irgendwann hatte er sogar von einer Empore hinunter gesungen.
Das Wissen verändert einen Ort. Zumindest für mich. Geschichte ist plötzlich nicht mehr abstrakt. Sie bekommt Räume. Treppen. Türen. Böden.
Und genau dort beginnt bei mir meistens die Fantasie.
Das Hermitage und MAX FIELD
In Band 4 „Am Abgrund“ betreten auch Max und Elwis das Hermitage.
Und dort geschieht etwas. Etwas sehr einschneidendes.
Mehr möchte ich darüber an dieser Stelle bewusst nicht erzählen. Denn wer den Roman noch nicht kennt, soll diesen Moment selbst erleben.
Nur eines kann ich sagen: Das Hermitage ist nicht zufällig gewählt.
Ich wollte für diese Szene einen Ort, der etwas in sich trägt. Eleganz. Geschichte. Atmosphäre. Und vielleicht auch ein wenig Geheimnis.
1971 ist das Hermitage für Max und Elwis allerdings kein historisches Denkmal.
Es ist Gegenwart. Das Hotel ist geöffnet. Gäste kommen und gehen. Telefone klingeln. Autos fahren draußen vorbei.
Und Max und Elwis stehen splitterfasernackt mitten auf dem Hotlflur. Warum? Das könnt ihr in Band 4, Am Abgrund lesen.
Im Ryman findet noch die Grand Ole Opry statt.
Auf Music Row wird aufgenommen.
Elvis Presley kommt zu dieser Zeit immer wieder nach Nashville.
Und genau in diese reale Welt habe ich meine fiktiven Figuren gesetzt.
Das Hermitage im Jahr 1971
Auch das Hermitage, das Max und Elwis erleben, sieht nicht exakt so aus wie das Hotel, das Besucher heute kennen.
1971 ist das Gebäude bereits mehr als sechzig Jahre alt. Es hat politische Kämpfe erlebt. Präsidenten und andere bedeutende Gäste empfangen. Musiker beherbergt. Krisen überstanden.
Seine Eleganz ist noch vorhanden. Doch auch das Hermitage bekommt die Veränderungen von Downtown Nashville zu spüren.
Die Innenstadt verliert wirtschaftlich an Bedeutung. Neue Hotels und Geschäftsviertel entstehen. Die Welt um das alte Grandhotel verändert sich.
Noch ist es geöffnet.Noch empfängt es seine Gäste. Doch schwierige Jahre liegen vor ihm.
1977 wird das Hermitage schließen.
Seine Zukunft ist zu diesem Zeitpunkt alles andere als selbstverständlich. Doch die Geschichte endet nicht dort.
Ein Hotel bekommt eine zweite Chance
Das Hermitage wurde gerettet. Nach einer umfangreichen Renovierung öffnete es 1981 wieder seine Türen.Spätere Restaurierungen sorgten dafür, dass seine historische Architektur erhalten blieb und gleichzeitig den Anforderungen eines modernen Luxushotels angepasst wurde.
Seine Rolle im Kampf um das Frauenwahlrecht wurde ebenfalls immer stärker gewürdigt. 2020 erhielt das Hermitage den Status eines National Historic Landmark.
Heute gehört es wieder zu den großen historischen Hotels der Vereinigten Staaten.
Und dennoch hatte ich bei meinem Besuch nicht das Gefühl, ein modernes Hotel zu betreten, das zufällig ein bisschen alt aussieht.
Ich hatte das Gefühl, einen Ort zu betreten, der sich erinnert.
Vielleicht ist genau das dieser Zauber, den ich dort gespürt habe.
Und vielleicht musste das Hermitage deshalb irgendwann Teil meiner Geschichte werden.
Nashville heute
Das heutige Nashville unterscheidet sich gewaltig von der Stadt, durch die Max und Elwis 1971 fahren. Aus Music City ist längst eine internationale Tourismusmetropole geworden. Millionen Besucher kommen wegen der Musik. Der Broadway ist zu einer der bekanntesten Ausgehmeilen der Vereinigten Staaten geworden. Honky-Tonks reihen sich aneinander. Aus geöffneten Türen dringt Musik.Neonlichter leuchten. Auf Dachterrassen wird gefeiert. Große Namen der Country Music betreiben eigene Entertainment-Locations.Hotels, Hochhäuser und moderne Gebäude prägen Teile der Skyline.
Die Stadt wächst.
Und mit diesem Wachstum verändert sie sich weiter. Manches von dem alten Nashville ist verschwunden.
Anderes wurde glücklicherweise gerettet. Das Ryman Auditorium gehört dazu.
Es wurde restauriert und ist heute wieder einer der berühmtesten Veranstaltungsorte Amerikas.
Die Grand Ole Opry verließ das Ryman 1974 und zog in das neu errichtete Grand Ole Opry House.
Music Row existiert weiterhin, auch wenn sich die Musikindustrie längst verändert hat.
RCA Studio B wurde erhalten.
Und auch das Hermitage steht noch.
Damit kann man heute tatsächlich an Orte gehen, die Max und Elwis in meiner Geschichte ebenfalls kennen.
Nur liegen zwischen ihnen und uns mehr als fünfzig Jahre.
Zwei Nashvilles
Und genau das ist für mich das Faszinierende.
Es gibt das Nashville, das wir heute sehen.
Und es gibt das Nashville meiner Romane.
Keine Smartphones. Kein Internet. Keine gigantischen LED-Wände am Broadway. Keine touristische Dauerparty. Das Ryman ist noch Heimat der Grand Ole Opry. Auf Music Row gehen Menschen mit Tonbändern, Notenblättern und Verträgen durch die Türen. Musiker müssen gemeinsam in einem Studio stehen, um eine Aufnahme entstehen zu lassen.
Ein Telefonat funktioniert nur, wenn am anderen Ende jemand abhebt.
Ein Star kann nicht einfach schnell eine Nachricht schicken.
Und wenn jemand mitten in der Nacht ein Hotel verlässt, kann man nicht auf einem Smartphone nachsehen, wohin er gefahren ist.
Für Geschichten bietet diese Welt unendlich viele Möglichkeiten.
Und irgendwo mitten darin befinden sich Max und Elwis.
Wenn Fiktion auf Geschichte trifft
Genau diese Verbindung liebe ich.
Ich erfinde Figuren. Ich erfinde Magic Hills. Ich erfinde das Diamond Sky. Ich erfinde ihre Konflikte, ihre Liebe, ihre Ängste und ihre Geheimnisse.
Aber ich lasse sie durch eine Welt gehen, die tatsächlich existiert hat.
Sie können durch Nashville fahren. Sie können am Ryman vorbeikommen. Sie können Music Row erreichen. Sie können durch dieselben Straßen gehen, durch die Musiker gingen, deren Namen heute Musikgeschichte sind.
Und sie können das Hermitage betreten.
Ein Hotel, in dem Elvis Presley tatsächlich zu Gast war.
Ein Hotel, in dem amerikanische Geschichte geschrieben wurde. Und ein Hotel, das ich Jahrzehnte später selbst betreten durfte.
Natürlich waren Max und Elwis nie dort. Sie sind Figuren meiner Fantasie.
Und trotzdem hatte ich während meines Besuchs für einen kurzen Moment diesen Gedanken:
Hier könnten sie gewesen sein.
Das ist einer der schönsten Momente, die das Schreiben mir schenkt.
Man recherchiert einen Ort. Man versetzt sich fünfzig Jahre zurück. Man lässt seine Figuren dort ein Stück ihres Lebens verbringen.
Und irgendwann steht man selbst dort. Mitten in der Wirklichkeit.
Und plötzlich sieht man die eigene Geschichte vor sich.
Memphis bedeutet für MAX FIELD Herkunft.
Las Vegas bedeutet Bühne.
Nashville bedeutet Musik.
Aber für mich bedeutet Nashville inzwischen noch etwas anderes.
Es ist einer jener Orte, an denen Vergangenheit und Gegenwart, Wirklichkeit und Fantasie so dicht nebeneinanderliegen, dass die Grenze für einen kleinen Augenblick beinahe verschwindet.
Und gerade deshalb musste Nashville irgendwann Teil meiner Geschichte werden.
Denn manchmal sucht man sich einen Schauplatz aus.
Und manchmal betritt man ihn Jahre später selbst und merkt:
Die Geschichte war längst da