MEMPHIS

Wo der Blues geboren wurde, Musik Geschichte schrieb und die Wurzeln von der Max-Field-Welt liegen

Eine Stadt die Amerika geprägt hat

Am Mississippi trafen Musik, gesellschaftlicher Wandel und roße Gegensätze aufeinander - und aus genau dieser Stadt gingen Geschichten hervor, die bis heute nachwirken.
 

Manche Städte sind einfach Schauplätze. Und manche Städte scheinen selbst Geschichten erzählen zu wollen.

Memphis gehört für mich eindeutig zur zweiten Kategorie.

Am Mississippi gelegen, im äußersten Südwesten Tennessees, ist Memphis eine Stadt voller Gegensätze. Musik und Lebensfreude gehören ebenso zu ihr wie eine schwierige Vergangenheit. Hier entstanden Karrieren, die Musikgeschichte schrieben. Hier wurde für Freiheit und Gleichberechtigung gekämpft. Hier begegneten sich unterschiedliche Kulturen und gesellschaftliche Welten – manchmal friedlich, manchmal unter schmerzhaften Umständen.

Und hier wuchs ein Junge aus einfachen Verhältnissen auf, der später zu einem der berühmtesten Menschen der Welt werden sollte:

Elvis Presley.

Doch Memphis ist weit mehr als Elvis.

Wer diese Stadt verstehen möchte, muss viel weiter zurückgehen.

Eine Stadt am Mississippi

Memphis liegt dort, wo der mächtige Mississippi seit Jahrhunderten Landschaft, Handel und Leben bestimmt.

Die Stadt wurde 1819 gegründet und nach der antiken ägyptischen Stadt Memphis benannt. Ihre Lage hoch über dem Mississippi machte sie zu einem wichtigen Handelsplatz.

Der Fluss war Verkehrsweg, Lebensader und Verbindung in andere Teile des Landes. Doch der wirtschaftliche Aufstieg der Stadt hatte auch eine dunkle Seite.

Baumwolle wurde zu einem der wichtigsten Wirtschaftsgüter der Region. Und die Baumwollwirtschaft des amerikanischen Südens war eng mit der Versklavung Schwarzer Menschen verbunden.

Memphis entwickelte sich zu einem bedeutenden Handelszentrum – auch für den Sklavenhandel.

Diese Vergangenheit gehört zur Geschichte der Stadt. Und ihre Folgen verschwanden nicht mit dem Ende des Amerikanischen Bürgerkriegs.

Eine Stadt, die beinahe unterging

Nach dem Bürgerkrieg musste Memphis schwere Krisen überstehen.

Besonders verheerend waren die Gelbfieberepidemien des 19. Jahrhunderts. Tausende Menschen flohen aus der Stadt, viele andere starben.

Die Folgen waren so dramatisch, dass Memphis 1879 sogar seine Stadtrechte verlor.

Doch die Stadt kam zurück.

Memphis wuchs erneut, der Handel erholte sich und die Lage am Mississippi blieb von enormer wirtschaftlicher Bedeutung.

Gleichzeitig entstand aus den unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen und ihren Kulturen etwas, das Memphis später auf der ganzen Welt berühmt machen sollte.

Eine ganz besondere Musik.

Der Blues findet seine Stadt

Wer Memphis sagt, kommt an der Beale Street nicht vorbei. Sie wurde zu einem Zentrum der afroamerikanischen Kultur und Musik.

Hier spielten Musiker in Clubs und Bars. Blues, Gospel und später Rhythm & Blues vermischten sich mit Einflüssen, die Menschen aus dem Mississippi-Delta mit in die Stadt brachten.

Einer der wichtigsten Namen dieser frühen Zeit war W. C. Handy, der entscheidend dazu beitrug, den Blues einem größeren Publikum bekannt zu machen.

Memphis wurde zu einem Ort, an dem Musik nicht nur Unterhaltung war.

Sie erzählte vom Leben. Von Armut. Von Liebe. Von Verlust. Von Hoffnung. Von harter Arbeit und davon, trotzdem weiterzumachen.

Der Blues war nicht in schicken Studios entstanden. Er kam von den Menschen.

Und genau das kann man in Memphis bis heute spüren.

Dann kam ein kleines Studio an der Union Avenue

In den 1950er-Jahren entstand in Memphis ein Ort, der Musikgeschichte schreiben sollte.

Das Sun Studio.

Sam Phillips hatte ein außergewöhnliches Gespür für Musiker und Klänge. Er nahm Künstler auf, deren Musik sich nicht mehr sauber in die damals üblichen Kategorien einordnen ließ.

Blues traf auf Country. Rhythm & Blues auf die Musik weißer Südstaatler. Etwas Neues entstand.

Johnny Cash nahm dort auf.

Jerry Lee Lewis.

Carl Perkins.

B.B. King hatte ebenfalls Verbindungen zu Sam Phillips und dessen früherem Memphis Recording Service.

Und dann betrat ein junger Mann das Studio, dessen Name irgendwann auf der ganzen Welt bekannt sein sollte.

Ein Junge namens Elvis

Elvis Presley wurde nicht in Memphis geboren.

Er kam am 8. Januar 1935 in Tupelo, Mississippi, zur Welt.

1948 zog die Familie Presley nach Memphis.

Elvis war dreizehn Jahre alt.

Die Familie hatte wenig Geld. Memphis war für sie die Hoffnung auf ein besseres Leben. Zeitweise lebten die Presleys in den Lauderdale Courts, einer damals modernen Wohnanlage für Familien mit niedrigem Einkommen. Elvis besuchte die Humes High School.

Er lief durch dieselben Straßen wie andere Jugendliche seiner Generation, hörte Country und Gospel und begegnete gleichzeitig der afroamerikanischen Musikkultur der Stadt.

Memphis bot ihm etwas, das für seine spätere musikalische Entwicklung entscheidend werden sollte: unterschiedliche musikalische Welten auf engstem Raum.

Gospel.

Blues.

Country.

Rhythm & Blues.

Sie existierten nebeneinander – und manchmal miteinander.

Lauderdale Courts – ein Vorzeigemodell seiner Zeit

Gerade Lauderdale Courts ist ein Ort, dessen Geschichte mich besonders fasziniert.

Als die Wohnanlage in den 1930er-Jahren entstand, war sie keineswegs das heruntergekommene Viertel, das man vielleicht mit späteren amerikanischen Sozialwohnungsprojekten verbindet. Im Gegenteil.

Lauderdale Courts gehörte zu einer neuen Generation öffentlich geförderter Wohnanlagen und galt als fortschrittliches Projekt. Familien mit niedrigem Einkommen sollten hier bezahlbaren und für damalige Verhältnisse modernen Wohnraum erhalten – in soliden Backsteingebäuden, mit Grünflächen und Innenhöfen.

Es war die Idee eines besseren Lebens für Menschen, die sich eine gewöhnliche Wohnung oftmals nicht leisten konnten.

Allerdings spiegelte auch Lauderdale Courts die gesellschaftlichen Verhältnisse des damaligen amerikanischen Südens wider. Die Anlage war ursprünglich für weiße Familien vorgesehen. Die Rassentrennung gehörte auch im öffentlichen Wohnungsbau zur Realität jener Zeit.

1949 zog die Familie Presley nach Lauderdale Courts.

Für Vernon und Gladys Presley und ihren Sohn Elvis bedeutete die Wohnung einen deutlichen Schritt nach vorn.

Sie lebten in Apartment 328.

Für den jungen Elvis waren diese Jahre prägend. Von hier aus konnte er Teile der Innenstadt zu Fuß erreichen. Auch die Beale Street und die afroamerikanische Musikszene lagen nicht in einer unerreichbaren anderen Welt.

Gospel, Blues und Rhythm & Blues waren Teil jener musikalischen Umgebung, aus der später etwas völlig Neues entstehen sollte.

Doch Städte verändern sich.

Und Lauderdale Courts veränderte sich mit Memphis.

Lauderdale Courts im Jahr 1971

Als Max in meiner Geschichte Ende August 1971 auf dem Pferd durch Memphis zurückreitet und an Lauderdale Courts vorbeikommt, liegen Elvis Presleys Jahre dort bereits fast zwei Jahrzehnte zurück.

Das einstige Vorzeigeprojekt ist inzwischen sichtbar in die Jahre gekommen.

Auch die Umgebung hat sich verändert.

Teile von Downtown Memphis verlieren wirtschaftlich an Bedeutung. Geschäfte und Bewohner ziehen in andere Stadtteile oder in die Vororte. Gebäude werden vernachlässigt, manche stehen leer. Gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen hinterlassen ihre Spuren.

Genau dieses Lauderdale Courts sieht Max.

Für sie ist es keine historische Sehenswürdigkeit.

Kein Ort, vor dem Jahrzehnte später Menschen stehen und sagen werden:

Hier hat einmal Elvis Presley gelebt.

Max erlebt Lauderdale Courts in seiner damaligen Gegenwart.

Sie reitet an den Backsteingebäuden und Höfen einer Wohnanlage vorbei, die einmal für Fortschritt und Aufbruch gestanden hatte und der man inzwischen ansieht, dass die Zeit nicht spurlos an ihr vorübergegangen ist.

Gerade solche Augenblicke liebe ich beim Schreiben.

Denn manchmal braucht es keine große historische Szene.

Manchmal genügt eine Figur, die an einem realen Ort vorbeikommt.

Und für einen kurzen Moment treffen Fiktion und Geschichte aufeinander.

Max weiß nicht, was Jahrzehnte später aus Lauderdale Courts werden wird.

Wir wissen es heute.

Lauderdale Courts heute

Denn beinahe wäre dieser Ort irgendwann vollständig verschwunden.

In den 1990er-Jahren war die Wohnanlage stark heruntergekommen und ihre Zukunft ungewiss. Gleichzeitig erkannte man zunehmend ihren historischen und architektonischen Wert.

1996 wurde Lauderdale Courts in das National Register of Historic Places aufgenommen.

Später begann eine umfassende Neugestaltung des Gebietes.

Dabei geschah etwas, das ich besonders schön finde: Man entschied sich nicht dafür, die Vergangenheit einfach mit dem Abrissbagger verschwinden zu lassen.

Ein großer Teil der historischen Backsteinarchitektur wurde erhalten und restauriert. Die ehemalige Wohnanlage wurde in ein neues Stadtentwicklungskonzept integriert.

Aus Lauderdale Courts wurde Uptown Square.

Heute ist das Gebiet Teil eines wiederbelebten Stadtviertels mit sanierten historischen Gebäuden und unterschiedlichen Wohnformen. Auch Elvis Presleys ehemalige Wohnung blieb erhalten und erinnert an die Jahre, in denen seine Familie dort lebte.

Die Restaurierung und Neugestaltung wurde mehrfach ausgezeichnet – unter anderem für historische Restaurierung, Denkmalschutz und städtebauliche Entwicklung.

Damit hat sich der Kreis auf eine bemerkenswerte Weise geschlossen.

Lauderdale Courts begann als Hoffnung auf ein besseres Leben.

Die Anlage alterte, verlor ihren Glanz und stand irgendwann selbst vor einer ungewissen Zukunft.

Und schließlich bekam sie eine zweite.

Wer heute dort steht, sieht nicht mehr das Lauderdale Courts, an dem Max 1971 vorbeireitet.

Und doch ist es noch da.

Unter einem neuen Namen.

Mit einem neuen Leben.

Und mit Mauern, die einen Teil der Geschichte von Memphis bewahrt haben.

706 Union Avenue

1954 nahm Elvis Presley gemeinsam mit Scotty Moore und Bill Black bei Sun Records „That’s All Right“ auf.

Was danach geschah, gehört zur Musikgeschichte.

Aus dem jungen Mann aus Memphis wurde innerhalb weniger Jahre ein internationaler Star.

Doch bevor es Las Vegas gab, bevor Hollywood kam, bevor Millionen Menschen seinen Namen kannten, gab es Memphis.

Die Stadt blieb ein wichtiger Teil seines Lebens.

1957 kaufte Elvis Graceland.

Das Anwesen sollte zu seinem Zuhause und Jahrzehnte später zu einem der bekanntesten Orte der Musikgeschichte werden.

Er hätte sich überall niederlassen können.

Doch Memphis blieb seine Heimat.

Vielleicht ist das einer der Gründe, weshalb Elvis und diese Stadt bis heute so eng miteinander verbunden sind.

Memphis war aber nicht nur Rock ’n’ Roll

Während Elvis weltweit berühmt wurde, entwickelte sich in Memphis eine weitere musikalische Bewegung.

Der Memphis Soul.

Mit Stax Records entstand ein Sound, der wiederum Musikgeschichte schrieb.

Otis Redding.

Booker T. & the M.G.'s.

Sam & Dave.

Isaac Hayes.

Schwarze und weiße Musiker arbeiteten bei Stax miteinander – in einer Stadt und in einer Zeit, in der Rassentrennung und Rassismus außerhalb des Studios weiterhin bittere Realität waren.

Auch darin zeigt sich einer der großen Widersprüche von Memphis.

Musik konnte Grenzen überwinden, die die Gesellschaft gleichzeitig weiterhin zog.

Menschen hörten dieselben Songs. Sie liebten dieselben Künstler. Und trotzdem war ihr Alltag aufgrund ihrer Hautfarbe vollkommen unterschiedlich.

Memphis und der Kampf um Gleichberechtigung

Wer über Memphis spricht, darf deshalb ein anderes Kapitel der Stadtgeschichte nicht auslassen.

Die Bürgerrechtsbewegung.

Auch nach dem Ende der gesetzlich verankerten Sklaverei waren Diskriminierung und Rassentrennung im amerikanischen Süden tief verwurzelt.

Memphis bildete keine Ausnahme.

1968 streikten die überwiegend Schwarzen Beschäftigten der städtischen Müllabfuhr für bessere Arbeitsbedingungen, höhere Löhne und vor allem für Würde und Anerkennung.

Ihre Schilder trugen eine einfache Botschaft:

I AM A MAN.

Martin Luther King Jr. kam nach Memphis, um die Streikenden zu unterstützen.

Am 3. April 1968 hielt er dort seine berühmte letzte Rede.

Einen Tag später wurde er auf dem Balkon des Lorraine Motel erschossen.

Er war 39 Jahre alt.

Heute befindet sich dort das National Civil Rights Museum.

Damit liegen in Memphis Orte, die für vollkommen unterschiedliche Kapitel amerikanischer Geschichte stehen, manchmal nur wenige Autominuten voneinander entfernt.

Sun Studio.

Beale Street.

Stax.

Graceland.

Lorraine Motel.

Musikgeschichte und Bürgerrechtsgeschichte existieren in derselben Stadt.

Und genau das macht Memphis für mich so faszinierend.

Memphis im Jahr 1970

Das Memphis meiner Geschichten befindet sich nur wenige Jahre nach diesen Ereignissen.

Und das ist wichtig.

1970 war die Vergangenheit nicht Vergangenheit im Sinne von etwas längst Abgeschlossenem.

Die Ermordung Martin Luther Kings lag gerade einmal zwei Jahre zurück.

Die Bürgerrechtsbewegung hatte grundlegende Veränderungen erreicht, doch Gesetze konnten Einstellungen nicht über Nacht verändern.

Rassismus, gesellschaftliche Spannungen und soziale Unterschiede waren weiterhin vorhanden.

Gleichzeitig pulsierte die Musik.

Elvis war inzwischen ein Weltstar und nach seinem großen Comeback wieder auf der Bühne.

Soul und Blues gehörten zur Stadt.

Autos rollten durch Downtown. Musik drang aus Clubs und Radios.

Der Mississippi floss wie seit Jahrhunderten an Memphis vorbei. Und nur wenige Straßen voneinander entfernt konnten völlig unterschiedliche Lebenswelten existieren.

Genau dieses Memphis interessiert mich.

Nicht eine nostalgisch verklärte Stadt, in der früher angeblich alles besser war. Sondern eine lebendige, widersprüchliche Stadt in einer Zeit des Wandels.

Das Peabody Hotel – eine Institution in Memphis

Zu diesem Memphis gehört auch ein weiterer realer Schauplatz, der Eingang in meine MAX-FIELD-Reihe gefunden hat:

das Peabody Hotel.

In Band 4 „Am Abgrund“ spielt dieses berühmte Hotel eine kleine Rolle.

Und auch hier gefällt mir der Gedanke, meine Figuren nicht einfach durch irgendein erfundenes Hotel gehen zu lassen. Sie betreten einen realen Ort, der zu diesem Zeitpunkt selbst bereits auf eine lange und bewegte Geschichte zurückblickt.

Das erste Peabody Hotel eröffnete bereits 1869 an der Ecke Main Street und Monroe Avenue. Seinen Namen erhielt es zu Ehren des amerikanischen Unternehmers und Philanthropen George Peabody.

Das Gebäude, das wir heute als Peabody kennen, entstand später.

1925 eröffnete das neue und wesentlich größere Hotel an der Union Avenue. Mit seiner prachtvollen Architektur, seiner großen Lobby und hunderten Gästezimmern entwickelte es sich zu einer Institution der Stadt.

Nicht umsonst wurde es als „The South’s Grand Hotel“ bekannt.

Geschäftsleute, Politiker, Künstler, Musiker und Reisende gingen hier ein und aus. Die Lobby wurde zu einem gesellschaftlichen Treffpunkt von Memphis.

Und das Peabody besitzt noch eine andere Tradition, die weit über die Stadt hinaus bekannt wurde.

Die Peabody Ducks.

Ihre ungewöhnliche Geschichte begann in den 1930er-Jahren.

Der Überlieferung nach kehrte Hotelmanager Frank Schutt mit einem Freund von einem Jagdausflug zurück. Nach einigen Gläsern Tennessee Whiskey kamen die beiden auf die Idee, lebende Lockenten in den Springbrunnen der Hotellobby zu setzen.

Was als Scherz begann, kam bei den Gästen so gut an, dass die Enten bleiben durften.

1940 übernahm der Hotelangestellte Edward Pembroke, ein ehemaliger Zirkustiertrainer, ihre Betreuung und trainierte sie für ihren Weg durch das Hotel.

Daraus entwickelte sich der berühmte March of the Peabody Ducks.

Bis heute marschieren die Enten über einen roten Teppich durch die Lobby zum Brunnen und später wieder zurück.

Es ist eine dieser wunderbaren kleinen Geschichten, die Memphis für mich so besonders machen.

Zwischen Blues, Rock ’n’ Roll, Bürgerrechtsgeschichte und gesellschaftlichen Umbrüchen wurden ausgerechnet ein paar Enten zu einem Wahrzeichen eines der berühmtesten Hotels des amerikanischen Südens.

Das Peabody zur Zeit von MAX FIELD

Doch auch beim Peabody ist für meine Geschichten etwas anderes entscheidend:

Das Hotel, das Max und die anderen Figuren erleben, ist nicht das restaurierte Peabody, das Besucher heute kennen.

Anfang der 1970er-Jahre hatte Downtown Memphis schwierige Jahre hinter sich.

Wirtschaftliche Veränderungen, die Abwanderung vieler Menschen und Geschäfte in die Vororte und der zunehmende Niedergang von Teilen der Innenstadt waren auch an einem traditionsreichen Haus wie dem Peabody nicht spurlos vorübergegangen.

Das Hotel existierte noch.

Seine große Vergangenheit war noch immer spürbar.

Die Lobby, der Name und seine Traditionen standen weiterhin für Eleganz und eine andere Zeit.

Doch der frühere Glanz begann zu verblassen.

Wenige Jahre nach der Zeit meiner Romane sollte das Peabody sogar schließen.

Erst nach einer umfangreichen Restaurierung wurde es 1981 wiedereröffnet und entwickelte sich erneut zu einem Wahrzeichen der Stadt.

Wenn meine Figuren das Peabody in „Am Abgrund“ betreten, besuchen sie deshalb keine historische Sehenswürdigkeit.

Sie erleben einen lebendigen Ort mitten in seiner eigenen Geschichte.

Und genau solche Details faszinieren mich beim Schreiben.

Wie sah ein Ort damals aus?

Wie fühlte er sich an?

Was hatte er bereits erlebt?

Und was wussten die Menschen, die 1970 oder 1971 durch seine Türen gingen, noch nicht über seine Zukunft?

Für uns ist all das Geschichte.

Für Max und Elwis ist es Gegenwart.

Der berühmteste Sohn der Stadt

Elvis Presley gehört dabei selbstverständlich zu Memphis.

Auch wenn sein Geburtsort Tupelo ist, wurde Memphis zu seiner Heimat. Hier verbrachte er entscheidende Jahre seiner Jugend.Hier begann seine Karriere. Hier kaufte er Graceland. Hier lebte seine Familie. Und hierher kehrte er immer wieder zurück.

Man kann deshalb kaum über die Musikgeschichte von Memphis sprechen, ohne irgendwann bei ihm anzukommen.

Für mich persönlich war Elvis darüber hinaus eine der Türen, durch die ich überhaupt tiefer in diese Zeit eingetaucht bin.

Je mehr ich mich mit seiner Geschichte beschäftigte, desto mehr interessierte mich auch die Welt um ihn herum.

Nicht nur der Weltstar. Sondern Memphis. Die Musik. Die Menschen. Die Südstaaten. Die gesellschaftlichen Verhältnisse.

Und all die Geschichten, die sich hinter den bekannten Bildern verbergen.

Doch genau an diesem Punkt trennen sich Realität und meine Fiktion.

Denn der Elvis dieser Geschichte heißt Presley.

Mein Elwis schreibt sich mit W.

Elwis Preston ist eine fiktive Figur.

Und trotzdem trägt auch er etwas von dieser Welt in sich.

Memphis und MAX FIELD

Für die MAX-FIELD-Reihe ist Memphis deshalb nicht zufällig ein so wichtiger Ort.

Las Vegas steht für das große Showbusiness.

Für Scheinwerfer.

Bühnen.

Luxus.

Das Diamond Sky.

Und für die Begegnung zweier Menschen, deren Leben sich dadurch grundlegend verändert.

Memphis ist etwas anderes.

Memphis bedeutet Herkunft.

Wurzeln.

Familie.

Vergangenheit.

Hier befinden sich in meiner fiktiven Welt Orte wie Magic Hills und Gloryland.

Orte, die es auf keiner historischen Karte von Memphis geben wird und die trotzdem in eine reale Welt eingebettet sind.

Hier kann Elwis Preston Weltstar sein und gleichzeitig wieder der Mann werden, der nach Hause kommt.

Und auch für Max bekommt Memphis eine Bedeutung, die weit über einen Wohnort hinausgeht.

Denn Heimat muss nicht immer der Ort sein, an dem ein Mensch geboren wurde. Manchmal ist Heimat der Ort, an dem man zum ersten Mal das Gefühl bekommt, angekommen zu sein.

Eine Stadt, die ihre Vergangenheit nicht loslässt

Und genau das ist der Grund, weshalb Memphis so gut zu MAX FIELD passt.

Diese Stadt trägt ihre Vergangenheit sichtbar mit sich herum.

Man kann sie hören.

Im Blues.

Im Gospel.

Im Soul.

Im Rock ’n’ Roll.

Man kann sie besuchen.

In der Beale Street.

Im Sun Studio.

In Graceland.

Im Lorraine Motel.

Und man begegnet ihr in Geschichten über Menschen, die von hier aus die Welt verändert haben.

Gute Geschichte verschwindet nicht.

Schmerzhafte Geschichte ebenfalls nicht.

Beides bleibt.

Und manchmal reicht etwas, das Jahrzehnte zuvor geschehen ist, bis weit in das Leben der nächsten Generation hinein.

Genau dieser Gedanke spielt auch in meinen Geschichten immer wieder eine Rolle.

Denn Vergangenheit ist bei MAX FIELD niemals nur etwas, das einmal war. Sie kann zurückkommen. Sie kann Antworten liefern. Sie kann Geheimnisse verbergen.

Und manchmal verändert sie alles, was ein Mensch über sich selbst zu wissen glaubte.

Vielleicht musste es Memphis sein

Las Vegas ließ meine Geschichte beginnen.

Aber Memphis gab ihr Wurzeln.

Genau das, ist es, was diese beiden Städte für mich so unterschiedlich und gleichzeitig so wichtig macht.

Las Vegas glitzert.

Memphis klingt.

Las Vegas verspricht, dass morgen alles anders sein könnte.

Memphis erinnert daran, dass man trotzdem nicht vergessen kann, woher man kommt.

Und irgendwo zwischen dem Mississippi, dem Blues, den kleinen Studios, den großen Träumen und einer Vergangenheit, deren Spuren bis heute sichtbar sind, liegt für mich die Seele dieser Stadt.

Das reale Memphis hat Musikgeschichte geschrieben.

Es hat amerikanische Geschichte erlebt.

Es wurde zur Heimat eines Jungen aus Tupelo, der von hier aus zu einem der größten Stars der Welt wurde.

Und irgendwann wurde es auch zu einem wichtigen Teil meiner fiktiven Welt.

Zur Heimat von MAX FIELD.

Denn manchmal braucht eine Geschichte nicht nur einen Ort, an dem sie beginnt.

Sie braucht einen Ort, an den ihre Figuren zurückkehren können.

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